28Apr/17

„Bald werden nur noch die Texte rezipiert, die direkt auf dem Bildschirm landen“

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

Open Access in der Bildungsforschung (2)

Dr. Ute Paulokat

Dr. Ute Paulokat

 

FRAGEN AN Dr. Ute Paulokat, die den Dokumentenserver pedocs von Anfang an mit aufgebaut hat und ihn seit sechs Jahren koordiniert.
Für sie ist die erhöhte Sichtbarkeit einer Publikation das gewichtigste Argument für eine Open-Access-Veröffentlichung über pedocs.

 

 

 

 

Frau Paulokat, was bringt es einem Wissenschaftler Aufsätze über pedocs zu publizieren?

In erster Linie eine erhöhte Sichtbarkeit, denn pedocs ist direkt mit der FIS Bildung Literaturdatenbank verbunden und auch für die Google-Suche optimiert. Egal, ob bei Google oder Google Scholar, pedocs-Treffer werden in der pedocs-LogoRegel in der Ergebnisliste ganz oben aufgeführt. Hier eingestellte Texte werden mit einer sehr viel höheren Wahrscheinlichkeit gefunden, als wenn sie nur auf Verlagsseiten oder Institutshomepages erreichbar wären. Mit der erhöhten Sichtbarkeit steigt natürlich die Rezeption der Texte und auch die Zitationsrate – ein hohes Gut in der Wissenschaft. Und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass künftig nur noch das wahrgenommen und wissenschaftlich genutzt wird, was man sich ohne Aufwand und Zeitverzug direkt auf den Computer laden kann. Da haben Open-Access-Veröffentlichungen natürlich einen großen Vorteil.

Wie gut wird pedocs genutzt? Haben Sie ein paar Zahlen für uns?

Mit Nutzungsstatistiken ist das so eine Sache! Je nach verwendetem Analyse-Tool oder Anbieter variieren die Zahlen zuweilen ja erheblich, Gesamtzahlen haben deshalb wenig Aussagekraft. Als Vergleichsbasis ziehen wir deshalb das Fachportal Pädagogik heran. Pedocs hat mit seinen 10.000 Einträgen zum Beispiel nur 50% Seitenaufrufe weniger als die sehr viel bekanntere FIS Bildung Literaturdatenbank mit ihren knapp 900.000 Einträgen. Das ist für uns eine sehr gute Note!

Und woher kommen die Nutzer?

50 bis 60 Prozent der Nutzer kommen über Google oder Google Scholar zu uns. Aber wir haben immerhin 20 Prozent Direktzugriffe; das weist darauf hin, dass wir als Open-Access-Portal für die Bildungsforschung gut bekannt sind. Die restlichen 30 Prozent kommen vor allem über unsere anderen Informationsportale wie den Deutschen Bildungsserver und natürlich aus den Discovery-Systemen der Universitäts- und Hochschulbibliotheken, die pedocs mit eingebunden haben.

Wie viele Publikationen gibt es derzeit in pedocs?

Aktuell haben wir etwas mehr als 10.000 Publikationen. Davon gut 1.000 Monographien, 6.600 Zeitschriftenaufsätze und 2.630 Sammelwerksbeiträge. Unsere Zuwachsraten sind in den letzten Jahren sehr konstant. Das liegt daran, dass wir derzeit noch jeden Eintrag händisch bearbeiten; im Durchschnitt können wir etwa 1.300 Datensätze im Jahr prozessieren.

Und aus welchen Zeitschriften stammen die Aufsätze?

Als wir mit pedocs 2008 gestartet sind, haben wir natürlich alle relevanten Zeitschriften in den Erziehungswissenschaften angeschrieben und sehr viele für unser Open-Access-Modell gewinnen können, darunter größere und kleinere Zeitschriftenverlage. Natürlich haben wir uns sehr gefreut, dass wir die „Zeitschrift für Pädagogik“ oder das Journal for Educational Research Online ins Boot holen konnten. Dann sind neu entstandene Onlinezeitschriften dazu gekommen, auch einige mit Peer-Review-Verfahren, die ihre Sichtbarkeit steigern und pedocs als zusätzliche Distributionsschiene nutzen wollen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Verlagen?

Die läuft ziemlich gut. Wir waren von Anfang an einer konstruktiven Zusammenarbeit mit den Verlagen interessiert und sind sehr darauf bedacht, für alle eine Win-Win-Situation oder zumindest einen guten Kompromiss zu finden. Wir wollen es den Verlagen einfach machen, uns Inhalte zur Verfügung zu stellen, ohne ihr Geschäftsmodell in Gefahr zu bringen. Am beliebtesten ist dabei das Modell, bei dem Zeitschriftenartikel erst nach einer zuvor vereinbarten Frist von ein bis zwei Jahren über pedocs verfügbar gemacht werden (Anm. der Redaktion: Der so genannte Grüne Weg des Open Access). Bei Sammelwerken hat es sich bewährt, von jeder Neuerscheinung einen exemplarischen Beitrag einzustellen und mit diesem das gesamte Werk zu bewerben. So erhalten die Leserinnen und Leser einen Eindruck, ob sich die Anschaffung für sie lohnt. Verlage sind auch häufig froh, dass wir ihnen die Möglichkeit bieten, Werke, für die sich ein Neudruck nicht lohnt, über pedocs wieder einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen.

Und wie sieht die Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern aus?

Die Zahl der Wissenschaftler, die selbst ihre Veröffentlichungen in pedocs eintragen, steigt kontinuierlich. Das ist sehr erfreulich! Allerdings machen diese Selbsteinträge nur einen sehr kleinen Anteil unserer Publikationen aus. Flyer pedocsUnd man muss realistisch bleiben: Kaum ein Wissenschaftler hat ausreichend Zeit und Muße, sich nach einer erfolgreichen Publikation auch noch selbst darum zu kümmern sie Open Access zu stellen – wenngleich der Aufwand dafür gar nicht so groß ist. Zum Glück übernehmen das in den wissenschaftlichen Einrichtungen oft die Bibliotheken. Über sie und über die Verlagskooperationen kommt der meiste Content in pedocs.

Das Ganze gilt ja vor allem für Zweitveröffentlichungen von Verlagspublikationen auf pedocs, also den sogenannten Grünen Weg des Open Access. Wie sieht es mit Open Access Gold aus? Welche Möglichkeiten der Finanzierung gibt es für Publikationen, die unmittelbar frei verfügbar erscheinen sollen?

Verschiedene. Als Wissenschaftler/in kann man – analog zu den bisherigen Druckkostenzuschüssen – z.B. entweder bereits in seinem Projektantrag eine gewisse Summe für die Veröffentlichung ausweisen, oder man beantragt bei einem Open Access-Publikationsfond die notwendigen Mittel. Solche Zuschüsse werden aber meist nur für Aufsätze bzw. Zeitschriftenbeiträge gewährt. Das ist in der stark monographisch geprägten Publikationspraxis der gesamten Geistes- und Sozialwissenschaften ein Problem. Im AK Open Access der Leibniz-Gemeinschaft wird deshalb schon seit längerem diskutiert, ob die Mittel aus dem bisherigen Publikationsfond eigentlich gerecht über die Sektionen verteilt sind.

Welche Pläne gibt es für die Zukunft?

In den nächsten Jahren wollen wir unseren Suchraum erweitern. Unser Ziel ist es, möglichst viele fachlich relevante Open Access-Publikationen über pedocs auffindbar zu machen und so eine größere Abdeckung von dem, was es in unserer Disziplin Open Access gibt, zu erreichen. Wir können ja nicht alles selbst hosten! Dazu müssen wir die Universitäten, Bibliotheken, Institute ausfindig machen, die Publikationen Open Access bereitstellen und diese Angebote dann bei uns verlinken. Wichtig dabei ist allerdings, dass die einzubindenden Quellen genauso vertrauenswürdig sind, genauso stabile Adressen haben und genauso gut dokumentarisch aufbereitet sind wie unsere Angebote.

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Paulokat!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


Lesen Sie auch

28Apr/17

Kurz, knackig, online: Der Kurs zu OER startet in einer Neuauflage #coer17

Quelle: Sandra Schön Autor: sansch

Alle neu macht der Mai! In diesem Fall den kostenlosen, offen lizenzierten Online-Kurs rund um offene Bildungsressourcen (open educational resources, kurz OER). Nach COER13, COER15 und COER16 nennen Martin Ebner und ich als Verantwortliche für Konzeption und Gestaltung den neuen Kurs nun COER17 – und wichtig: Es handelt sich um einen neugestalteten Kurs: Er ist nur nur vier Wochen lang, inhaltlich aktualisiert und konzentriert sich auf das wesentliche zu OER.

Der Kurs startet am 2. Mai 2017, wird aber länger online zur Verfügung stellen, eine spätere Teilnahme und Kursbestätigungen sind auch möglich, der gemeinsame Start mit anderen ist dafür meist sehr viel interaktiver. Sehen wir uns auf imoox.at?

26Apr/17

Maker-Werkzeuge – Videos zur Funktion von 3D-Druckern, Schneidplottern und Co.

Quelle: Sandra Schön Autor: sansch

Für einen Workshop stelle ich ihr hier einige Videos rund ums Making zusammen. Leider ist vieles Eigenwerbung, wenig offen lizenziert… (und ich werd es meist ohne Ton benutzen…!)

3D-Drucker
Einfacher Druck mit Filament:

Sendung mit der Maus:

Laser Cutter

Vinyl-Plotter/Schneideplotter

Raspberry Pi

Makey Makey

Weitere Links:

 

24Apr/17

Erschienen: OER-Canvas zur Entwicklung von Projekten rund um offene Bildungsressourcen + COER17

Quelle: Sandra Schön Autor: sansch

Zusammen mit Martin Ebner habe ich einen OER-Canvas erstellt, der bei der ersten Planung von OER-Projekten unterstützen kann. Dieser ist nun unter CC-BY von der OERinfo-Stelle veröffentlicht worden. Das Ziel des Canvas wird dabei so beschrieben:

Der OER-Canvas bietet Lehrpersonen und anderen, die Bildungsmaterialien erstellen, eine Unterstützung bei der Ideensammlung und ersten Konkretisierung ihres OER-Projekts. Er führt durch die einzelnen Planungsschritte. Gedacht ist er für alle, die bereits Erfahrungen in der Entwicklung von Lernmaterialien haben und über die unterschiedlichen CC-Lizenzen Bescheid wissen.

[Hier geht es zum OER-Canvas] [Downloadlink .pdf], [Downloadlink .odg]

WICHTIG: Der OER-Canvas wird auch Teil des „Online-Kurs zu Open Educational Resources“ auf iMooX sein – dem COER17, der am 2.5.2015 starten wird und 4 Wochen dauert. Anmelden kann man sich dazu noch gerne hier.

 

24Apr/17

„Die AERA bietet einfach gute Gelegenheiten, mit Bildungsforschern aus anderen Ländern ins Gespräch zu kommen“

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

Vom 27. April bis 1. Mai findet in San Antonio die AERA 2017 statt, das „Branchentreffen“ der amerikanischen Bildungsforschung. Die Servicestelle „International Cooperation in Education“ (ice) ist dort bereits zum 5. Mal präsent – dieses Mal mit einer „International Session” zum Thema „Societal Challenges and Educational Research“.
ice berät und unterstützt empirische Bildungsinstitutionen und Bildungsforscher/-innen aus Deutschland in der Aufnahme und Vertiefung von internationalen Kontakten und Kooperationen.

Dr. Annika Wilmers organisiert mit dem ice-Team eine "International Session" bei der AERA 2017

Dr. Annika Wilmers organisiert mit dem ice-Team eine International Session“ bei der AERA 2017.

 

FRAGEN AN Dr. Annika Wilmers von der Servicestelle International Cooperation in Education (ice). Wir sprachen mit ihr über die internationale Bedeutung der jährlichen Konferenzen der AERA und darüber, was es bedeutet dort eine „International Session” mit Bildungsforschern aus den USA, Deutschland und anderen Nationen zu organisieren.

 

 

 

 

 

Frau Wilmers, was macht die AERA so interessant für die deutsche Bildungsforschung?

Die AERA (American Educational Research Association) ist der Berufsverband der amerikanischen Erziehungswissenschaftler/-innen mit mehr als 25.000 Mitgliedern, in etwa vergleichbar mit der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE) bei uns in Deutschland. Ihre „Annual Meetings“, die jedes Jahr an wechselnden Orten in den USA und Kanada stattfinden, sind das „Branchentreffen“ der USA – alle Bildungsforscher treffen sich dort. Aber auch Bildungspraktiker und Vertreter von Verlagen und Förderorganisationen finden sich in vielen Veranstaltungen und Gesprächen zusammen. Das macht die Konferenz noch viel größer als es das eigentliche Programm mit den Vorträgen und Workshops nahelegen würde. Bei uns in Deutschland ist das sehr viel dezentraler organisiert.

Unter welchem Motto steht die AERA 2017?

Das Thema ist „Knowledge to Action. Achieving the promise of equal education opportunity“ – es geht also im weitesten Sinne um Chancengleichheit. Das ist ein typisches AERA-Thema, weil es sich an der Schnittstelle von Bildungsforschung, Bildungspraxis und Bildungspolitik bewegt. AERA2017Bei den Konferenzen geht es immer auch darum, wie man mit Forschung etwas in der Praxis bewirken kann. Die AERA reagiert zudem auf das tagespolitische Geschehen, das hat sich erst jetzt wieder gezeigt: Anlässlich der von Präsident Trump im Februar erlassenen Einreisebestimmungen hat die AERA eine Presseerklärung veröffentlicht und nun eine der Key-Lectures mit einem sehr renommierten Migrationsforscher besetzt. Die Organisatoren fordern zudem die vom „Einreiseverbot“ betroffenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf, sich bei ihnen zu melden, wenn sie Schwierigkeiten haben an der Konferenz teilzunehmen. Ihnen werden die Anmeldegebühren erstattet, und es wird geprüft, welche alternativen Präsentationsformen ihnen angeboten werden können.

Bei der AERA trifft sich also nicht nur die US-amerikanische Bildungsforschung?

Das Interesse, sich international zusammenzutun, hat auch in den USA stark zugenommen. Bei den Jahreskonferenzen sind viele verschiedene Länder vertreten, natürlich England und Australien, aber aus Europa zum Beispiel auch skandinavische Länder oder eben Deutschland. Allerdings sind es meist die wohlhabenderen Nationen, die präsent sind. Das International Relations-Committee der AERA, mit dem wir in Kontakt stehen, betont immer wieder, wie wichtig internationale Sessions sind, wie wir sie anbieten.

Und was genau bietet die Servicestelle ice bei der AERA 2017?

Wir haben eine halbtägige internationale Session zum Thema „Societal Challenges and Educational Research“ organisiert. Als Einführung ins Thema gibt es einen Dialog zwischen Rose Ylimaki von der University of Arizona und Ingrid Gogolin von der Universität Hamburg zu den Herausforderungen, denen sich die Bildungsforschung in den nächsten Jahren stellen muss; moderiert wird das Gespräch von Joann Halpern, der Direktorin des „German Center for Research and Innovation“ in New York. Daran anschließend bieten wir fünf Roundtables, an denen die Wissenschaftler ihre Arbeit kurz präsentieren und sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen austauschen können.Logo International Cooperation in Education Die Themen reichen von „Instructional Leadership“ über „Migrants and refugees“ und „Digital education“ bis zum bildungspolitischen Nutzen von Datenbeständen aus Large-Scale-Assessment-Studien und einem methodologischen Workshop. Besetzt sind die Tische mit einer internationalen Mischung aus jungen Wissenschaftlern und erfahreneren Professoren. Gerade auch die Einbindung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist uns sehr wichtig!

Wie sind Sie auf das Format gekommen?

Angefangen haben wir vor fünf Jahren mit einem Messestand, an dem deutsche Wissenschaftler zu Posterpräsentationen eingeladen waren. Das Session-Format hat sich in den letzten drei Jahren entwickelt und wird sowohl von den Teilnehmenden als auch vom International Relations-Committee sehr gut angenommen. Es bietet einfach eine gute Gelegenheit, zu seinem Forschungsthema direkt mit Kollegen aus anderen Ländern ins Gespräch zu kommen. Unser Angebot hat außerdem den Vorteil, dass es außerhalb des Review-Prozesses steht, in dem die normalen AERA-Sessions zusammengestellt werden.

Wie muss man sich den Weg von der Themenfindung bis zum Angebot selbst vorstellen?

Das ist ein Prozess, der sich aus verschiedenen Quellen speist: Wir orientieren uns am allgemeinen Konferenzthema und beobachten die aktuellen Diskussionen in Deutschland, zu denen es teilweise Parallelen in den USA gibt. Oft signalisieren uns auch die Wissenschaftler selbst – deutsche und amerikanische – Interesse an bestimmten Themen, oder wir greifen auf Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr zurück. Sobald sich ein Themenkomplex herauskristallisiert hat, stimmen wir uns intern ab. Und wenn der Call for paper von Seiten der AERA abgeschlossen ist, also nach der Sommerpause, beginnen wir mit unseren Recherchen und fragen ausgewählte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an, ob sie sich eine Teilnahme an einer Session bei uns vorstellen könnten. Das kann sich über Wochen und Monate hinziehen, weil die Kontaktierten zum Beispiel Interesse äußern, aber selbst nicht teilnehmen können oder wollen, dafür aber jemand anderen empfehlen. Und dann müssen die Teilnehmenden natürlich auch noch die Finanzierung der Konferenzteilnahme klären.

Viel Erfolg und herzlichen Dank für das Gespräch, liebe Frau Wilmers!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver